Hauptschule
Sehr geehrte Damen und Herren,
die aktuelle Lage hat es nötig gemacht, der Hauptschule einen Extra-Punkt einzuräumen.
Hier finden Sie in Kürze alles über unsere Arbeit zur Hauptschule
Nachholmöglichkeiten an Volkshochschulen nicht verbauen
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In den letzten 30 Jahren gab es 26 Reformversuche der Hauptschule. Eine grundlegende Verbesserung für die SchülerInnen brachten sie jedoch allesamt nicht. Wir glauben daher auch nicht, dass dies von der aktuellen sogenannten Hauptschulinitiative der Staatsregierung zu erwarten ist. Mehr zur Ineffizienz der bisherigen Reformversuche finden Sie hier.
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Anhörung des BLLV zur Hauptschule: CSU muss angesichts sinkender SchülerInnenzahlen ihre Scheuklappen ablegen.
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Nicht nur angesichts der hohen WiederholerInnenzahl an Bayerns Schulen sei ein Systemwechsel angebracht, meint Simone Tolle.
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Die beabsichtigte Verschiebung von 400 Stellen der Hauptschule an die Gymnasien lösen nicht das Problem. Die Hauptschule braucht ihre LehrerInnen für bessere individuelle Förderung.
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Nun geht es auch in Unterfranken los: Viele Teilhauptschulen werden geschlossen. Das Hauptziel der CSU dabei ist die Einsparung von 500 LehrerInnen (März 2005)
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Die aktuelle Stunde im bayerischen Landtag wird sich auf Antrag der Grünen mit der Auflösung der Teilhauptschulen befassen. (2. März 2005)
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Grüne Fraktion verabschiedet anlässlich ihrer Klausur eine Hauptschulreform auf Vorschlag der bildungspolitischen Sprecherin Simone Tolle.
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Es könne nicht sein, dass das Prestigeprojekt "G 8" bevorzugt behandelt werde, so die bildungspolitische Sprecherin, Simone Tolle (12.08.04)
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Wie ich mir die Hauptschule vorstelle, habe ich im September 2004 in einem Papier formuliert:
Stark, selbstbewusst, selbstständig: Die neue Hauptschule
Die Hauptschulen sterben aus
Seit 1992 gab es in Bayern 119 Schließungen von Hauptschulen. Von den heute noch 1500 Hauptschulen im Freistaat werden in den nächsten Jahren 90 weitere geschlossen. Die Folgen: Längere Schulwege, größere Schulen, noch mehr Anonymität. Dies ist Ergebnis einer verfehlten Schulpolitik des Kultusministeriums, die mit der Einführung der R 6 ihren Anfang nahm.
Im Moment verfügt die Hauptschule noch über einen SchülerInnenanteil von mehr als 35 %. Durch kompetenten und engagierten Einsatz der LehrerInnen gelingt es vielerorts, die Qualität aufrechtzuerhalten.
Die HauptschülerInnen brauchen vielseitige Förderangebote, es fehlt hierfür allerdings an zusätzlichem Personal. Die Belastung für LehrerInnen an Hauptschulen wird nicht zuletzt durch die Arbeitszeiterhöhung immer dramatischer.
Für eine grundsätzliche Verbesserung im Hauptschulbereich ist kein Geld vorhanden, allerdings gibt die Staatsregierung für die Entwicklung anderer Schularten Millionenbeträge aus.
Die Segmente am Ausbildungs- und Beschäftigungsmarkt, die noch für HauptschülerInnen zur Verfügung stehen, sind in den letzten Jahren weniger und kleiner geworden. Dieser Trend hält an.
Der Abschluss nach dem M-Zug ist nicht in ganz Bayern bei ArbeitgeberInnen und BürgerInnen bekannt. Arbeitgeber führen seit Jahren die Klage, viele junge Leute seien kaum ausbildungsfähig und ziehen ihre Konsequenzen.
Nötig ist eine pädagogische Reform
Die Hauptschule braucht Unterstützung auf breiter Front durch eine pädagogische Reform, die individuelle Förderung in den Mittelpunkt stellt und allen AbsolventInnen eine gesellschaftliche und soziale Perspektive gibt.
Eine pädagogische Reform findet Antworten auf folgende Probleme:
Nur 5 % aller Eltern entscheiden sich bewusst und freiwillig für die Hauptschule. An der Hauptschule verbleiben aufgrund des veränderten Übertrittverhaltens immer weniger leistungsfähige und leistungsbereite SchülerInnen. Die Differenzierung durch den M-Zug erschwert zusätzlich die Bildung von heterogenen Gruppen, die voneinander und miteinander lernen können und die sich durch ihre unterschiedlichen Fähigkeiten gegenseitig beim Lernen bereichern.
SchülerInnen aus sozial schwachen Familien und Migrantenkinder sind weniger erfolgreich als ihre KlassenkameradInnen. Zudem verabschiedet sich ein Teil der Eltern aus der Verantwortung, so dass die Schule keine Ansprechpartner mehr hat.
Wir schlagen deshalb folgende Schritte vor:
Eine ehrliche Problemdefinition ist nötig
Es ist konstruktiv, sich einer ehrlichen Problemdefinition zu stellen: Was muss getan werden, um HauptschülerInnen für den Übergang ins Berufsleben fit zu machen? Hier hilft eine ehrliche Analyse. An der Hauptschule ist die Welt nicht in Ordnung, denn viele Jugendliche driften danach ins gesellschaftliche und soziale Abseits. Eine Hauptschulreform darf vor diesem Umstand nicht die Augen verschließen, muss sich der Entwicklung stellen und Lösungsmöglichkeiten aufzeigen. Es genügt nicht, zur Hauptschule ein Lippenbekenntnis abzulegen. HauptschülerInnen sind bedeutsam für die Ausbildungsbetriebe und die Gesellschaft. Dieser Erkenntnis gilt es, Taten folgen zu lassen und das notwendige Geld bereitzustellen.
Das Kind in den Mittelpunkt stellen
Eine Reform der Hauptschule setzt die SchülerInnen in den Mittelpunkt, denn sie haben ein Recht auf Förderung ihrer besonderen Begabungen und werden hierdurch am Ende der Schulzeit stolz und selbstbewusst mit dem erreichten Abschluss einen Platz in Gesellschaft und Arbeitsmarkt finden. Dabei orientieren sich die LehrerInnen an den positiven Eigenschaften. Mädchen und Jungen lernen individuell und unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrem sozialen Hintergrund oder ethnischen Herkunft gleichberechtigt und entsprechend ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten.
Die SchülerInnen abholen, wo sie stehen
Der Übergang von der Grund- zur Hauptschule motiviert, bestärkt und würdigt die Begabungen der SchülerInnen. Hauptschul- und GrundschullehrerInnen arbeiten deren Stärken frühzeitig und gemeinsam heraus. Die Diagnose der Fähigkeiten und die individuelle Förderung setzen hier an.
Eigenverantwortlich, praxisorientiert und selbstständig lernen
In der neuen Hauptschule lernen die SchülerInnen selbstständig und eigenverantwortlich zu arbeiten. Darauf werden sie schrittweise und systematisch vorbereitet. Sie lernen die gängigen Lern- und Arbeitstechniken zu beherrschen, zu argumentieren, zu kommunizieren sowie konstruktiv und regelgebunden im Team zu arbeiten. Sie lernen, längere Texte zu erschließen, beschaffen sich Informationen und werten sie aus. Neue Medien sowie die Arbeit am Computer haben dort ihren Stellenwert. Migrantenkinder erhalten Sprachunterricht. Musik und Kunst sind wertvolle Instrumente, um Kreativität zu fördern. Eine neue Hauptschule bereitet auf die Arbeitswelt vor, in dem sie sich frühzeitig an der Praxis orientiert. Die Unterrichtsthemen orientieren sich dabei an der Erfahrungswelt der SchülerInnen. Die SchülerInnen werden bei der Berufsfindung professionell beraten und in der Bewerbungsphase unterstützt. Durch Praktika und Projekte während der Schulzeit gleichen die SchülerInnen ihre eigenen Vorstellungen mit der Realität ab und können sich so durch fundierte Grundlagen für eine Berufsausbildung oder eine weiter führende Schule entscheiden. Das vermeidet eine hohe Abbrecherquote während der Ausbildung.
Auch die Schulung interkultureller Kompetenzen und das Erlernen von zusätzlichen Sprachen hält in die Hauptschule Einzug. Hierbei werden die ausländischen SchülerInnen als Chance betrachtet, andere Kulturen kennen zu lernen. Wichtig ist auch, dass HauptschülerInnen an internationalen Austauschprogrammen teilnehmen.
Lernen den ganzen Tag
Rhythmisiertes Lernen kann nicht in einen Vormittag gepresst werden. Lern- und Entspannungsphasen benötigen Zeit und Angebote, die sich bis in den Nachmittag ziehen. Die Ganztagsschule bietet hierfür den am besten geeigneten Rahmen. Mehr Zeit mit den SchülerInnen unterstützt den Aufbau von neuen, verlässlichen Beziehungen zwischen den Lehrkräften und SchülerInnen. So kann kontinuierlich eine Schulgemeinschaft aufgebaut werden, die u.a. auch dort Hilfe leisten kann, wo Eltern ihre erzieherische Pflicht nicht mehr erfüllen können. Wichtige Unterstützung hierbei sind SozialpädagogInnen und PsychologInnen sowie die Träger der Jugendhilfe.
Der Stundenplan wird abgelöst durch einen Wochenplan, der gemeinsam mit den SchülerInnen erstellt wird. Er orientiert sich an den vorgegebenen Kompetenzen und Standards und vermittelt ganzheitliches Wissen.
Einen Abschluss für alle ermöglichen
Ein wichtiger Grundsatz lautet: Keiner geht verloren, jeder macht einen Abschluss. Der Übergang zu weiter führenden Schulen muss stets möglich sein, wenn die Voraussetzungen vorliegen. Nach der 9. Jahrgangsstufe soll es die Chance geben, in einem weiteren Jahr den mittleren Bildungsabschluss zu erwerben.
Profilentwicklung durch Freiheit und Selbstständigkeit
Die Hauptschule der Zukunft ist selbstständig und erhält Freiheit bei der Gestaltung organisatorischer, pädagogischer, personeller und finanzieller Aspekte. Hierdurch ist es möglich, mit einem eigenen regionalen Schulprofil zu einer neuen Qualität von Bildung beizutragen. Der Staat gibt Kompetenzen und Standards vor und beschränkt sich darauf, durch einen regionalen Koordinator die Profilentwicklung zu unterstützen und den Prozess dauerhaft zu begleiten. Jede Hauptschule entwickelt hieraus Basismodule für alle, die Verbindung herstellen zum eigenen Erleben, zur Arbeitswelt, Gesellschaft und Staat. Spezielle Fördermodule ergänzen den gemeinsamen Kernunterricht und geben so die Chance auf individuelle Förderung. Bei der Auswahl dieser Module erhalten die SchülerInnen und Eltern Beratung durch die LehrerInnen. In einem Fördergespräch werden Ziele festgelegt, an deren Erreichung alle ihren Anteil definieren. Die Entwicklung von Schlüsselqualifikationen (z.B. Selbstständigkeit, Zuverlässigkeit, Lernbereitschaft, soziale Kompetenz etc.) ist verbindlich.
Die SchülerInnen lernen in kleinen Klassen mit mindestens 15, maximal 20 SchülerInnen.
Die Schulen entscheiden selbst über ihre Arbeitsbedingungen und Arbeitszeitmodelle. Sie nehmen Einstellungen ihrer Lehrkräfte selbst vor und entwickeln ihr Profil gemeinsam mit den Akteuren vor Ort. Vom Freistaat erhalten sie das hierzu notwendige Budget.
Eigene Wege überprüfen lassen
Selbstständige Hauptschulen gehen mit Steuergeldern eigene Wege. Deswegen müssen und sollen sie der Öffentlichkeit Rechenschaft ablegen, Konzepte und Ziele zugänglich machen und deren Erreichen dokumentieren. Dies geschieht durch:
Jährliche Berichte gegenüber dem Ministerium mit Ausblick auf die Pläne im kommenden Jahr und der Verhandlung um das dafür erforderliche Budget.
"Kritische Begleiter" aus Wissenschaft, Gesellschaft und Wirtschaft, die die Arbeit durch ihre Beratung und Rückmeldung prägen
Befragung von Eltern und SchülerInnen
externe und interne Tests
zuverlässige Statistiken über AbgängerInnen.
Regelmäßige Rückmeldung über den Lernfortschritt
Regelmäßige Rückmeldungen über den Lernfortschritt werden durch Wortgutachten dokumentiert, die individuelle Entwicklungen beschreiben und Auskunft geben, welche differenzierten Angebote die SchülerInnen wahrgenommen haben. Sie berichten über erworbene Kompetenzen wie freies Reden, Arbeit in Gruppen, Arbeitsverhalten, Projekte, Praktika und den Einsatz in verschiedenen Bereichen des Schullebens. Darüber hinaus geben sie einen Überblick über die Lernentwicklung.
Ein individueller Förderplan wird von SchülerInnen, Eltern und LehrerInnen gemeinsam entwickelt. Dabei definieren alle ihre Verantwortung an den vereinbarten Zielen
Verankerung mit der Region
Wichtig ist zudem die Verzahnung mit den Akteuren vor Ort: Kommune, Wirtschaft, Vereine, Jugendorganisationen und soziales Engagement erhalten ihren Platz in der Schule. Damit öffnet sich die Hauptschule und schafft vernetzte Verantwortungsgemeinschaften, die alle einbezieht, Unterstützungsangebote nutzt, Innovationsprojekte realisiert und Bildungsangebote auf die regionalen Bedürfnisse abstimmt. Das gesamte Schulumfeld wird in die Lernprozesse einbezogen.
Neuesten Erkenntnissen Rechnung tragen
Unsere pädagogische Reform der Hauptschulen trägt neuesten pädagogischen und wissenschaftlichen Erkenntnissen Rechnung.
Wir sehen die Zukunft jedoch nicht im dreigliedrigen Schulsystem, das Kinder zu früh aussortiert, ihnen damit Chancen verbaut und die Möglichkeit verwehrt, in heterogenen Lerngruppen voneinander und miteinander zu lernen. Die SchülerInnen die heute die Hauptschule besuchen haben das Recht, die optimale Förderung für ihre Zukunft zu erhalten.
Eine Hauptschulreform bietet neben der Lösung bestehender Problemstellungen jedoch die Chance, der pädagogische Hebel zu sein für eine Schule der Zukunft, in der unsere Kinder in einer längeren gemeinsamen Schulzeit lernen und dort intensive individuelle Förderung erfahren, die allen gleichberechtigt zur Verfügung steht.
Simone Tolle
22.09.2004