SIMONE TOLLE - BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Simone Tolle
Bildung ist der Schlüssel für die Zukunft
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Fachgespräch: Kein Anschluss ohne Abschluss!


Nachqualifizierungschancen für junge Menschen ohne Schulabschluss
Fachgespräch im Bayerischen Landtag, 26. Januar 2010


Simone Tolle, Dr. Udo DirnaichnerBildung und Qualifikation sind die Schlüssel für eine erfolgreiche berufliche und soziale Integration. Nach Bundesgesetz hat seit 2009 jede/r Jugendliche Anspruch darauf, den Hauptschulabschluss im Rahmen einer berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme nachzuholen. Volkshochschulen (VHS) und Träger der Erwachsenenbildung (EBT) konnten sich zu diesem Zwecke als erfolgreiche Alternative für diejenigen anbieten, die das Schulsystem nicht mehr zu integrieren wusste. Bis 2007 wurden diese Kurse mit Fördermitteln aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF) unterstützt.

Doch seit der neuen Förderperiode haben sich die Möglichkeiten zum Nachholen des qualifizierenden Hauptschulabschlusses dramatisch verschlechtert. Neue Richtlinien erlauben nur noch eine Finanzierung von Kursen durch ESF-Mittel, wenn die Teilnehmer noch über keinerlei Schulabschluss verfügen. Eine schwerwiegende Änderung in Anbetracht der Tatsache, dass in den letzten sieben Jahren ca. 40% der KursteilnehmerInnen der Erwachsenenbildungsträger in Bayern den qualifizierenden Hauptschulabschlusses erwarben (Quelle: Drs. 16/1131).

Engagement und Erfolg der Erwachsenenbildungsträger aufrechterhalten

Normalerweise werden Projekte beendet, wenn sie langfristig keinen Erfolg aufweisen können. Das Modell an der VHS Landshut läuft hingegen Gefahr auszulaufen, obwohl es beachtliche Erfolge vorweisen kann. Nicht zuletzt durch die sozialpädagogische Betreuung während der einjährigen Vorbereitungszeit wird den Jugendlichen die Eigenverantwortung für ihre Zukunft klargemacht und ihr Bewusstsein für die Bedeutung eines guten Schulabschlusses geweckt. Dies konnten auch die beiden geladenen jungen Kursteilnehmer bestätigen, für die die Vorbereitung an der VHS eine zweite Chance bedeutet. Die hervorragende Arbeit und das hohe Engagement der freien Bildungsträger lobt auch Dr. Udo Dirnaichner, Ministerialrat des Kultusministeriums. Dessen Referat weiß um die finanziellen Sorgen und Nöte der VHS und EBT, der Ausfall von ESF-Mitteln für Kurse zum Erwerb des qualifizierenden Hauptschulabschlusses wird auch von ihnen bedauert. Bisher gibt es jedoch seitens der Staatsregierung noch keine Anzeichen dafür, diese Finanzierungslücke durch Landesmittel zu kompensieren.
Dies ist aber dringend notwendig, um eine langfristig angelegte und effektive Arbeitsweise zu garantieren.

Dumping-Mentalität im Bildungswesen

Ändern sich nun die Rahmenbedingungen, hat das schwerwiegende Konsequenzen für alle Beteiligten. Sowohl Dozenten als auch Schülern kann auf Grund der häufigen Veränderungen des Finanzierungssystems weder eine langfristige Perspektive noch eine verlässliche Planungssicherheit geboten werden. Dadurch gehen den VHS und EBT oft kompetente und motivierte Mitarbeiter verloren, die so auch ihr Know-How mitnehmen. Die Auswirkungen sind aber auch im quantitativen Angebot spürbar, da immer weniger Plätze angeboten werden können, und dadurch vermehrt Bewerber abgewiesen werden müssen. Die klamme Haushaltslage der Kommunen wird sich weiterhin verschärfen, die auch nicht durch Maßnahmen der Bundesagentur für Arbeit zufriedenstellend aufgefangen werden können. Das Bildungsangebot steht vor dem Problem, sich zunehmend an der Finanzierungs- statt an der Bedarfslage zu orientieren.

Zweiten Bildungsweg allen ermöglichen

Um diesem Trend entgegenzuwirken fordern Bildungsexperten und Vertreter der VHS und EBT ein Umdenken der Staatsregierung. Anstatt die Gelder nach dem Prinzip kurzzeitiger Projekte auszuschreiben, müssen die Kursangebote der freien Träger institutionalisiert werden. Dies bedeutet hinsichtlich einer verlässlichen und kontinuierlichen Förderung eine klare Finanzierungsplanung im Haushalt anstelle von Behelfs- und Komplementärmaßnahmen. Neben finanzieller Verlässlichkeit spielt aber auch die Qualitätssicherung eine bedeutende Rolle. Kompetente und engagierte Dozenten sowie gut ausgebildete Sozialpädagogen müssen dauerhaftes "Equipment" der Erwachsenenbildungsträger sein.
Die Chance auf den zweiten Bildungsweg muss jedem gegeben werden - gleich welchen Alters, Geschlechts, sozialer Herkunft, Migrationshintergrund etc. und ungeachtet dessen, ob er/sie bereits einen Hauptschulabschluss erworben hat oder nicht.

Wir bedanken uns bei allen ReferentInnen und Gästen für die lebhafte und erkenntnisreiche Diskussion! 

ReferentInnen

Dr. Udo Dirnaichner, Ministerialrat im Bayerischen Ministerium für Unterricht und Kultus
Angela Herzog, Projektleiterin VHS Landshut
Martina Kotz, ehemalige Sozialpädagogin an der VHS Landshut
Johanna Kuhnert, Kursteilnehmerin der VHS Landshut
Yanis Hondor, Kursteilnehmer der VHS Landshut

Moderation
: Simone Tolle, MdL 

Inhalt wird im neuen Browserfenster dargestellt Schriftliche Anfrage Nachholen des qualifizierenden Hauptschulabschlusses


 


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